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Wilder Platz: Ein Mikrokosmos an den Gleisen

  • vor 6 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Auf den ersten Blick wirkt er fast unscheinbar. Direkt an den Gleisen in der Nähe des Hauptbahnhofs, wo die Stadt in ständiger Bewegung ist, verbirgt sich eine wilde Oase der Entschleunigung; Wilder Platz, ein Ort für Alle. Hier wuchert die Natur nicht einfach planlos, sie erobert sich gezielt ein Stück urbane Struktur zurück. Buschiges Grün bietet unzähligen Insekten einen Lebensraum, während terrassierte Ebenen den Raum strukturieren.



Strassenansicht des Wilden Platzes an der Zollstrasse in Zürich. Eine mit Graffiti bemalte Mauer und ein Drahtzaun mit einem grünen «Wilder Platz»-Banner trennen das wild bewachsene Areal vom Trottoir. Im Hintergrund fährt ein roter SBB-Zug vorbei.
Der Wilde Platz an der Zollstrasse bietet eine wilde Oase direkt neben den vielbefahrenen SBB-Gleisen

Wilder Platz ist kein statischer Park und Verein, sondern ein lebendiger Organismus, der sich ständig häutet und neu erfindet. Durch regelmäßige Aufrufe zur Mitgestaltung und offene "Calls" entstehen fortlaufend neue Elemente – seien es temporäre Kunstinstallationen, neue bauliche Strukturen oder kreative Kollaborationen. Selbst eine Rutsche war hier schon Teil des Terrains, bevor der Raum wieder anders genutzt wurde. Wo einst eine intakte Folie Schatten spendete (die aktuell vom Wetter gezeichnet ist), findet sich heute eine kleine, intime Sitz-Arena. Zusammen mit der neu angelegten Ruine zeigt sich hier die Kernidee des Vereins: Der Platz ist ein fortlaufender Prozess.


Kuratierte Wildnis

Blick in den Wilden Platz in Zürich: Im Vordergrund ein grünes Schild mit der Aufschrift «Wilder Platz» im Schotter. Dahinter führen von wildem Grün umrahmte, terrassenförmige Sitzgelegenheiten aus Holz und Stein in das Gelände. Im Hintergrund sieht man Bahngleise, einen roten Zug und moderne Stadtarchitektur.
Terrassierte Ebenen und selbstgebaute Sitzgelegenheiten laden zum Verweilen ein.

Die Geschichte des Platzes ist eine des Zufalls und der Initiative. Aus einer verworfenen Stadtplanung für eine Fahrradrampe entstand eine Brache der SBB. «Am Anfang lag hier nur Schotter», erinnert sich Martin, Co-Präsident des Vereins Wilder Platz. Aus Arbeitsgruppen der benachbarten Genossenschaft Kalkbreite formierte sich schließlich der Verein.

Die Gestaltung erforderte Fingerspitzengefühl: Strenge Vorgaben, wie das Bauverbot im 45-Grad-Winkel zu den Gleisen, mussten mit der Vision einer nutzbaren Wildnis vereint werden. Das Ergebnis ist eine faszinierende landschaftliche Balance. Es gibt einen öffentlichen Teil, der immer zugänglich ist, und – ganz essenziell – einen bewusst abgesperrten Bereich auf der Rückseite, der streng genommen nur für die Tiere und das ungestörte Wachstum der Natur reserviert ist. Raue Trockenstreifen mit viel Schotter bieten zudem den Eidechsen ein Zuhause.





Fünf Jahre Jubiläum


Ein längliches Hochbeet aus Holz, ausgekleidet mit Noppenfolie und gefüllt mit Erde sowie vielen runden, braunen Tonkugeln. Es steht an einem Maschendrahtzaun neben einem Fussweg am Wilden Platz. Im Hintergrund sind städtische Gebäude und Bahngleise zu sehen.
Eines der bespielbaren Hochbeete am wilden Platz

In diesem Jahr feiert der Wilde Platz sein 5-jähriges Bestehen. Ein offener Raum mitten in der Stadt bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich. Zerstörung und Vandalismus gehören leider zur Realität – so wurden in der Vergangenheit etwa die Vogelhäuschen oder die Feuerstelle beschädigt. Doch der Non-Profit-Verein lässt sich davon nicht entmutigen, im Gegenteil: Der Platz lebt vom ständigen Wiederaufbau. Wer also spontan Lust hat, ein neues Vogelhäuschen zu zimmern und aufzuhängen, ist jederzeit herzlich willkommen.

Mit einem aktuellen Open Call ruft der Verein zudem dazu auf, die Zukunft des Areals aktiv mitzugestalten. Das Spektrum reicht von größeren Community-Projekten (wie der temporären Plakatwand des feministischen Kollektivs «Creatrices») bis hin zur unkomplizierten Mittwochsbar ab 20:00 Uhr. Wichtig ist dabei zu betonen: Der Verein agiert – genau wie Überflüger – absolut nicht profitorientiert. Die wöchentliche Bar funktioniert komplett ohne kommerziellen Druck, wird ehrenamtlich organisiert und läuft rein auf der Basis von Freiwilligenbeiträgen.


«Füchse habe ich noch keine gesehen aber viele Bienen, Käfer und Eidechsen. Es ist ein eigener Mikrokosmos.»


Während wenige Meter entfernt die Europaallee als perfekt saubere, hochgradig gepflegte Umgebung ein bestimmtes Verhalten diktiert, ist der Wilde Platz der bewusste Gegenentwurf. «Wir versuchen, eine Alternative zu sein, in der man sich freier entfalten kann», erklärt Martin. «Hier kann man sich die Hände schmutzig machen, Samenbomben basteln, die Erde berühren.»


Lernt den Platz kennen

Guerilla Gardening ist das absolute Leitthema unseres aktuellen Newsletters-Ausgabe von Guide Limmat – und auf dem Wilden Platz schließt sich der Kreis. Wir freuen uns riesig, dass wir als Überflüger nun selbst Teil des Vereins Wilder Platz werden und planen in Zukunft gemeinsame Projekte auf dem Gelände umzusetzen!

Aus diesem Grund veranstalten wir am Samstag, den 19. September unser großes Überflüger-Jahresfest genau hier. Es wird ein Tag voller Guerilla Gardening, Seed-Bomb-Workshops, gemeinsamen Anpackens und abendlichem Open-Air-Kino und mehr.


Hier geht es zum ausführlichen Beitrag mit allen Infos und dem Programm zu unserem Happening!


Support your local Mikrokosmos

Unser Happening im September ist die perfekte Gelegenheit, dieses einmalige Areal hautnah zu erleben. Aber ihr müsst natürlich nicht so lange warten: Geht vorbei, setzt euch in die kleine Ruine, bringt euch über den Open Call ein oder besucht ganz unverbindlich die charmante Mittwochsbar.

Freiräume wie dieser sind unglaublich wichtig für das Stadtbild, sie leben davon, dass wir sie nutzen, schätzen und unterstützen.

Werdet Mitglied, schaut vorbei und lasst uns gemeinsam sicherstellen, dass dieser Mikrokosmos weiter wild wachsen darf! Alle Infos zur Mitgliedschaft und den Projekten gibt es unter www.wilderplatz.ch

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